DSC_0239_1

283 bis 293 – Zug nach Zeven…Anreise und Anarchie

Es hatte in der Nacht geschneit, in der Regensburger Gegend. Am Tag vorher, bei einem langen Spaziergang auf dem JuraSteig mit Tyson, habe ich die Frühlingssonne noch genossen, habe an den Steinen gesessen, direkt dort, wo es einige Meter in die Tiefe geht, über dem Abgrund, Tyson ist freudig rumgeflitzt und hat mich zu allen Seiten bewacht. Da habe ich einen Hundefreund gefunden. Alle meine Gedanken, mit einem Hund zu Wandern, habe ich nach anfänglichen Reiz bei der Vorstellung, ziemlich schnell verworfen. Mit Tyson jedoch, wäre es sehr gut für mich vorstellbar. Ja, es war sogar kurz ein Wunsch.
Im Moment jedoch, hier in Jena, wäre es schwierig. Ich teile gerade mit Nadine ein kleines Studentenzimmer, wo ich auf dem Boden auf der Matratze in meinem Schlafsack lagere. Mit ihrem Bett und dem Schreibtisch….Und natürlich meinem Riesenrucksack ist das Zimmer voll. Morgen kommt Boris noch dazu. Der war jetzt einige Zeit in der Toscana. Morgen wird er nach einer 17-Stündigen Busreise hier in Jena ankommen. Ich freue mich sehr darauf, ihn wieder zu sehen. Und seit Weihnachten ist bei uns beiden Reisenden ziemlich viel passiert.

Clemens hat mich am Morgen des verschneiten 285. Tages meiner Reise, zusammen mit Tyson, zum Bahnhof in Regensburg gefahren. Die Straßenverhältnisse waren so schlecht, daß wir es gerade Pünktlich zum Bahnhof schafften.

Ich folgte einer Einladung nach Zeven, zwischen Bremen und Hamburg, von Gesa, die ich im letzten Jahr, am Tag vor meiner Reise, kennenlernt habe. Sie leitet Seminare mit Gruppen von FÖJlern, junge Menschen, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in verschiedenen Einrichtungen leisten. Für die Gemeinschaft. Ich wollte Tobi kennenlernen, einen der Initiatoren des Utopival. Er sollte eine Vortrag vor 25 FÖJlern halten,hatte aufgrund von Zugverbindungen einige Stunden Verspätung und so durfte ich von meinem Vorhaben erzählen. Es stieß scheinbar auf starke Resonanz.

tmp_4257-DSC_0025-24644965

So bot sie mir jetzt noch einmal diese so großartige Möglichkeit, mit einer weiteren Gruppe junger Erwachsener ins, für mich sehr ergiebige und inspirierende Gespräch zu kommen. Die drei Tage dort auf dem Hof, vom Frühstückstisch sahen wir das gemütliche Kauen der Kühe, waren für mich, trotz der Erkältung, die mich fürchterlich erwischt hatte, ein guter, frischer Quell.

Aber die Zugfahrt dorthin war ein großes Abenteuer. Ich hatte schon Tage vorher meinen Waschbeutel im Schloß Tempelhof liegen lassen, ein schwerer Verlust! Nun, auf dem Bahnhof Würzburg, unserem ersten ICE-Halt, trat ich kurz vor die Tür und prompt schloss sie sich. Mein Rucksack stand offen im Gang, die Trommel ausgepackt, meine Frühstücksbrote obendrauf. Alles Klopfen half nicht mehr. Keiner kann eine ICE Tür wieder öffnen, wenn sie einmal geschlossen ist.
Der Zug setzte sich in Bewegung, Richtung Hamburg, und einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, alles ist verloren.
Das Gefühl dauerte glücklicherweise nur Sekunden. Zwei großartige Mitarbeiter vom DB-Info brauchten ganze zehn Minuten, um mein Hab und Gut in Göttingen zu sichern und meine Reise über Bremen umzuleiten.
Mit allergrößter Dankbarkeit und erleichtert konnte ich meine Fahrt nach Zeven fortsetzen.

DSC_0255_1

In Bremen wollte ich den Bus nach Zeven besteigen, der Busfahrt erklärte mir, daß die Fahrt zwar auf meinem Fahrschein ausgewiesen ist, der Bus jedoch extra fünf Euro siebzig kostet.
Letztlich bot er an, mich so mitzunehmen, weil er von meinem Lauf sehr angetan war.
Alles fügte sich wunderbar, und am Abend, mit nur einer Stunde Verspätung, wurde ich herzlich im Seminar empfangen. Die FÖJ-Seminare drehen sich um Themen wie Nachhaltigkeit, Ernährung, Landbau, Geldfreies Leben…. Das Thema diesegs Seminars war Landwirtschaft und Nahrung. Das Seminarhaus lag mitten auf einem Erzeugerhof. Ich nutzte die nächsten zwei Tage um eine plötzlich ausgebrochene und heftige Erkältung zu kurieren, um dann am Donnerstag der Gruppe von meinem Lauf zu erzählen. Ich habe viele Interessierte Fragen beantwortet.
Für nicht wenige aus der Gruppe, war das ein Highlight der Woche. Ich bin sehr glücklich darüber, daß mein Lebenslauf auch sehr viele junge Menschen anspricht, die sich durchaus inspirieren lassen.

DSC_0258_1

Ich spüre in dieser jungen, nachrückenden Generation die Bereitschaft zum Aufbruch, eine Selbstverständlichkeit die alten Strukturen nicht so sehr zum Maßstab zu machen und andere Wege zu gehen. Und eine wachsende Achtsamkeit auf allen Ebenen, sich selbst und den Liebsten gegenüber, für ihre Um- oder Mitwelt. Das und das Interesse und die Empfänglichkeit für meinen Lebenslauf alle Themen, die ich im Gepäck habe, gibt mir viel Kraft auf meinem Weg weiterzugehen.
Sicherlich bin ich beim Tragen der kleinen Verantwortlichkeiten oft kläglich gescheitert, was vielem geschuldet ist, aber letztendlich auch diesem System der Angst mit ihren Sorgen.
Ich spüre den tiefen Wunsch, an die Wurzel des ganzen Mißstands zu gehen.
Ich bin in Zeven auch beschenkt worden mit Seife, Zahnbürste und Zahnpasta. Endlich wieder Duschen!
Meine Rückfahrt nach Mitteldeutschland mit der DB war auch recht abenteuerlich.
Aufgrund eines Suizides auf der Strecke von Oldenburg, mußte ich mit einer Stunde Verspätung einen anderen Zug besteigen.Der jedoch viel dann auch kurz hinter Verden aus, weil sich eine Tür nicht mehr schloss. Zurück nach Verden und dann Anlauf genommen nach Hannover. Bei dieser Aktion traf ich Attin, eine junge Frau, auf dem Weg nach Freiburg. Es schien eine Schicksalhafte Begegnung. Attin stellte auf Anhieb die richtigen Fragen zu meinem Vorhaben. Eine Verbindung war zu spüren, sie hatte sehr ähnliche Gedanken zum Thema. Leider scheinen wir uns in Hannover aus den Augen verloren zu haben. Wie schade!
Am Abend, mit zweieinhalbstündiger Verspätung bestieg ich den Bus nach Hildburghausen, von wo aus ich zu Fuß weitergehen wollte nach Weitersroda.

Das Schloß mit Treppenturm....Von der Straße aus.
Das Schloß mit Treppenturm….Von der Straße aus.

DSC_0294_1

Mein Bett im Marokkanischen Zimmer
Mein Bett im Marokkanischen Zimmer

Mia hatte mich zu Prinz Chaos, so nennt sich Radiomoderator, Sänger und Kabarettist Florian Ernst Kirner, ins Schloß Weitersroda gesandt.
Der Prinz hat vor einigen Jahren dieses Schloß gekauft, viel in Stand gesetzt, und bietet so den Raum, in dem sich eine Gemeinschaft bilden könnte. Jedoch ist es schwierig für eine Gemeinschaft im Klima einer Anarcho-Monarchie zu entstehen. Auch hier gibt es wie in anderen Gemeinschaften, Prozesse, die nur in einem Miteinander Früchte tragen können. Am Sonntag Vormittag ein Ausritt in den Weitersroda Stadtforst, ohne Pferd.

DSC_0285_1

Am Sonntag abend versammelten sich dann alle im Marokkanischen Zimmer, in dem ich Drei Nächte lang mein Lager hatte, um einer Lesung Fabians, der einen Text von einem Freund vortrug und ein paar Texten aus meinem Repertoire zu lauschen. Fabians Text drehte sich um das Vermächtnis unserer Vorfahren aus der Kriegsgeneration. Ich rezitiert einige Gedichte und las einen Text, der sich um die Entstehung von Totaltarismus drehte. Harte Kost, Nachdenkliches und lustige Anekdötchen leiteten in ein geselliges Beisammensein. Ein YouTubeVideo von Fabian ist bereits 40 000 mal aufgerufen worden. Er hält darin eine bewegende und bewegte Rede auf einer Montagsmahnwache.
“Fabian Götting – Der Löwe erwacht”

Ich habe auch in Weitersroda wieder tolle Menschen kennengelernt.
Basti, Petra, Sushilla, Melanie, Florian,Daniel, Fabian und einige Menschen mehr.
Daniel und Melanie legen seit letztem Jahr einen Permakultur-Garten an.

In der Schloßküche
In der Schloßküche

Daniel züchtet EM, daß sind effektive Mikroorganismen, mit denen er den Boden und den Kompost behandelt. Das wirkt Ertragssteigernd. Mit diesen Mikroorganismen kann mann Geschirr spülen, es bei Unwohlsein und Krankheit einnehmen und vieles mehr.
Außerdem stellt er damit Bokashi her, einen sehr Nährstoffhaltigen Kompost.

http://www.zeit.de/lebensart/essen-trinken/2011-02/bokashi-kompost-mikroorganismen

Ich könnte ihm beim Bau eines Wasserturms aus Paletten helfen. Das Wasser bewässert durch Eigendruck das neu errichtete Gewächshaus, und wir haben begonnen ein Kräuterbeet anzulegen.

DSC_0372_1

DSC_0358_1

DSC_0361_1

Viele Gespräche hatte ich in diesen Tagen, auch mit Basti und Fabian, zu meinem Thema, dem Ausbruch des Ersten Weltfriedens.
Ein interessantes Thema, das ganz verschiedene Reaktionen hervorruft.

Am 293. Tag meines Laufes brachte mich der Prinz, wie er auch von allen genannt wird, mit seiner Kutsche an die Autobahn.

DSC_0291_1