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Tag 211 bis 258… Reflexion und Renaissance

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Donnerstag 11. Februar

Viel gäbe es zu erzählen, vieles ist bei dieser Vollbremsung mitten im Lauf geschehen. In Icking, an der Isar, habe ich im Wald gesessen und geschaut, wie ich mit der Information, meine Mutter liege im Krankenhaus, umgehen sollte. Ich bekam unter der Kiefer das klare Gefühl meinen Lauf zu unterbrechen und nach Bassum zu fahren. Ich habe mich in Icking am Donnerstagmorgen von meinen Gastgebern Mona und Andreas verabschiedet den Zug bestiegen und bin, leider zu spät in Bassum am Abend angekommen.

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Es folgten Tage im Kreis der Familie, Begegnungen mit alten vertrauten Nachbarn und Freunden, intensive Gespräche, Erinnerungen…

Mehr als einen Monat habe ich hier verbracht, im Haus meiner Kindheit und Jugend, daß ich einen Tag vor meiner Einschulung 1968, mit meinen Eltern und meinem Bruder bezogen und mit Neunzehneinhalb Jahren mit zwei Plastiktüten und dreiunddreißig Mark in der Tasche verlassen habe.
Und jetzt gehe ich ein zweites Mal, fast 35 Jahre später.
Ein letztes mal!
Die Zeit der letzten Wochen, die nach eigener Gesetzmäßigkeit lief, verstrichen, ein langes stöbern, in den Bildern der Kindheit, nicht um mich darin zu verlieren, sondern zu entdecken. Ich sehe auf ein Leben, daß den Anfang in den übriggebliebenen Bildern einer nicht nur schönen Vergangenheit nahm. Nicht in die Schubladen und Fächer der Schränke habe ich geschaut, es haben sich meine innersten Fächer der Vergangenheit in die Gegenwart geöffnet.
Vieles, das ich mir immer wieder in den Weg stelle, ist für mich begreifbar geworden, hat alte Bilder ausgelöst, von denen ich einige, nun schon mal gelockert dann auch auspacken, ansehen und gehen lassen konnte.
Auslöser war die Liebe, wie immer. So ist das bei mir.
So war meine Wanderung in den letzten Wochen eher eine innere. Und der Rucksack ist nun hoffentlich wieder etwas leichter.
Aus diesen Erkenntnissen heraus, kann ich wieder ein wenig mehr zum Schöpfer meiner Realität werden.
Der Schritt, sich seinen Schatten zu stellen, ist dabei meiner Ansicht nach ein unverzichtbarer.
Meine Entwicklung kann ich ebenso im Außen beobachten.
Auch in der Gesellschaftlichen Konstruktion wird diese Entwicklung sichtbar. Durch jetzt mögliche Verbindung von Menschen fließen Informationen allen zu. Das wahre Gesicht unserer Ordnung, die Hinfälligkeit unseres Systems steht allen vor Augen.
Anstatt wieder Schuldige zu suchen, ist es jetzt wichtig es uns anzusehen, wertfrei, uns gegenseitig Unterstützung auf unserem Weg von der Gesellschaft zur Gemeinschaft zu geben.
Es sind die Themen, die alle Menschen wohl mit sich schleppen, wie zum Beispiel nicht gewollt zu sein, albern zu sein, den richtigen Platz in dieser Welt nicht zu finden, Anerkennung, die Ängste und vieles mehr, was unsere Realität täglich bestimmt. Es mischt und gewichtet sich bei jedermensch anders.
Es ist meine Wahl, die Richtung zu ändern, andere Gewichtung zu schaffen, das Positive zu fokussieren. Davor steht aber auch die Erkenntnis der Brüchigkeit und das heraustreten aus dem, was uns lebenslang als gemütlich eingerichtete, aber viel zu enge Stube zur Verfügung stand.
Eng und eingegrenzt. Glück und Liebe oftmals ausgegrenzt.
Die Beschauen schaffen Platz.
Und je mehr Platz ist desto tiefer kann ich schöpfen, wieder zum Schöpfer werden, meine Realität werden lassen, wie sie tief in mir gründet.
Es ist meine Bestimmung!
Jedermenschs Eigene Bestimmung.
Wir bestimmen, denn wir haben alle eine eigene Stimme.

So geh ich nun bald weiter, mit hoffentlich leichteren Gepäck.
Obwohl ich in den letzten Tagen an dem Punkt war, aufgeben zu wollen, nach einigen Tiefpunkten, werde ich meinen Weg weitergehen, mit klaren Bildern, mit guter Führung.
Ich bin sehr gespannt, auf alles, was auf dem Weg wartet.

Dienstag 16. Februar

Göttingen. Ich sitze hier im ICE, Richtung Würzburg auf dem Boden zwischen den Wagen und versuche das Tagebuch auf Stand zu bringen.
Göttingen!!….ungefähr auf dieser Höhe habe ich am 7. Januar erfahren, daß ich zu spät komme.
In Hannover bin ich umgestiegen. Mit Verabschiedung von Thomas, einem Mann, vielleicht in meinem Alter, Doktor mit Lehramt an einem Forschungsinstitut in Berlin. Er arbeitet mit seinen Studenten an Lösungen zur Problematik der Kalieinleitung in die Werra mit nicht guten Folgen für Umwelt und Tierbestände, und für die Fischerei in der Weser.
Nach Antje der zweite an zwei Tagen, der sich mit der Forschung an Fischen beschäftigt.
Er hat außetdem von seinen letzten Jahren in der DDR erzählt. Er war Zugführer und wollte gerade eine kleine Karriere in der Volksarmee starten, als die Grenze fiel. Als die Armee 1990 aufgelöst würde, würde er, wie viele andere, die gerne Volksarmisten waren, arbeitslos. Unser Thema war auch das nicht hinterfragen und anpassen ans System ….Und über vieles in die Richtung, was natürlich mich mit meinem Thema bewegt hat. Ich selber habe ja viele Dinge in unserem System einfach gemacht, weil es irgendwie alle so gemacht haben.
Und jeder von uns muß, um in diesem System vermeintlich einen Platz zu erhalten, eine über sich selbst hinaus gehende Verantwortlichkeit ausblenden, sogar von sich weisen. Wir sind aber in hohem Maße verantwortlich, nicht nur für das, was wir tun, sondern auch für die unterlassene Hilfeleistung, auf welcher Ebene, mit welcher Begründung auch immer!

Im Zug lesen einige Menschen das Schild auf meinem Rucksack. Ich beantworte Fragen, habe gute inhaltliche Gespräche, werde beschenkt, mit Kaffee und Keksen, und von einem älteren, sehr freundlichen Paar mit selbstgebackenem Topfkuchen. Die Menschen gehen an mir vorbei und beschenken mich und immer wieder bedanken sich einige bei mir, für das, was ich da mache! Das bestärkt mich sehr.

Von Bassum bin ich am Donnerstag aufgebrochen, zu Fuß nach Bremen, um dort den Zug nach Würzburg zu besteigen. Bis Erichshof hat mich Roman aus Harpstedt begleitet, den ich vorher nur mal am Rande wahrgenommen hatte. Wir haben aber nie miteinander gesprochen.

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Es war ein großartiger, bereichernd Gang. Ich habe einen kleinen Exkurs in die Welt der Heilpflanzen und Pilze bekommen.
Roman hat ein ungeheures Wissen und Verständnis auf dem Gebiet.
Ich freue mich schon jetzt auf die Kräuter- und Pilzexkursionen, zu denen wir nach meinem Lauf verabredet sind.
Die erste Station nach Bassum war Erichshof, wo meine Cousine Tania mit ihrer Familie, mit ihrem Partner Marcus und ihren Töchtern Celine und Emilia lebt.
Emilia ist Acht Jahre alt und verfolgt meinen Lauf zusammen mit Tania von Anfang an mit großem Interesse. Sie hat mir zu Beginn ein Bild gemalt, das mich erst jetzt erreicht hat. Das hat mich sehr glücklich gemacht und mir Hoffnung gegeben. Emilia macht sich viele Gedanken über die Rettung unserer Erde als Lebensraum und sagte:
” Das Gedicht möchte ich gerne Jens mit auf den Weg geben. Denn wir müssen mehr auf die Natur achten, sonst geht es uns bald nicht mehr gut. Er kann es vorlesen und dann verstehen die Leute vielleicht, dass die Indianer recht haben.”
Das hat mich sehr berührt. Wenn ich mutlos bin, erinnere ich mich daran und es ist für mich keine Frage mehr, ob ich weitergehe….
Alleine dafür hat sich mein Lauf gelohnt!

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Freitag ging es dann weiter nach Bremen. Marcus hat mich von Erichshof nach Bremen-walle begleitet wo ich bei meiner urältesten Freundin Ulli zwei Tage in wunderbarstem Dauergespräch in Verbundenheit verbracht habe.
Eine Nacht bei Yaro und Merle folgte. Bis mein Zug am Dienstag ablegen sollte, bin ich einer noch einer Einladung von Antje gefolgt, die ich bis dato nicht persönlich kannte, und habe in ihrer WG mit Blick auf die Weser genächtigt. Sie ist Doktorin in maritimer Mikrobiologie und entwickelt ein Verfahren, ohne die Anwendung von Gen-tests, die Art und Herkunft von Speisefischen zu bestimmen.
Antje hatte einige Fragen zu meinem Lebenslauf, zu Motiven und zu Modellen, die ich unterwegs kennengelernt habe.

Ich hatte eine intensive, innere Zeit in Bassum.
Ich habe in meinem Elternhaus unten im Wohnzimmer auf dem Sofa geschlafen und nicht im Gästezimmer, das mir Kinderzimmer war.
Ich habe einen großen Bogen um Harpstedt gemacht, um das Gefühl zu haben, ich bin noch unterwegs und auch diese Phase ist Teil meines Lebenslaufes.
Der Weg von Bassum nach Erichshof mit Roman, der schöne Aufenthalt bei meiner Cousine Tania und ihrer Familie, Emilia und Celine, Markus, der mich nach Bremen begleitet hat und abends noch ganz nach Erichshof zurückgehen wollte, die Tage mit Ulli, die Treffen auf der Straße, erst Tanja und Ingo aus Harpstedt, dann Michael und Maike, dann der Besuch bei Antje und die Zeit mit Yaro und Merle…..Waren ein wunderbarer stimmiger Übergang und sehr belebend und bereichernd und einfach total schön.
Jetzt bin ich seit gestern Abend in Sommerhausen, bei Lutz und Moni, alten Freunden und Reform-Pädagogen.
Moni war viele Jahre Leiterin des
Freinet-Kindergartens in PrinzHöfte, den unsere Söhne, Yaro und Tarik besucht und in dem sie ein gutes Fundament für Ihr Leben bekommen haben. Einer der Kernsätze der Freinet-Pädagogik heißt:
“Adler steigen keine Treppen”

Die vier Grundsätze der Freinet-Pädagogik sind:
1.Freie Entfaltung der Persönlichkeit
2.Kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt
3.Selbstverantwortlichkeit des Kindes
4.Zusammenarbeit und gegenseitige Verantwortlichkeit.

Lutz war einer von zwei Freinet-Pädagogen, mit denen zusammen wir und acht andere Eltern vor zwanzig Jahren die Freie PrinzHöfteSchule gegründet haben, die unsere Jungs glücklicherweise beide ein paar Jahre besuchen konnten.
Lutz und Moni haben sich vor sieben Jahren ein wunderschönes Haus in Sommerhausen zugelegt, das sie seitdem restaurieren und seit einigen Wochen ganz bewohnen. Es stammt aus dem zwölften Jahrhundert, ist im Laufe der fast tausend Jahre durch sämtliche Epochen gegangen und immer ist einiges hängen geblieben, ein Wahnsinns-Gewölbekeller von Elfhundertund…,viele Wände und Türen aus dem Mittelalter, Decken aus der Renaissance, Elemente aus Barock, Rokoko und Historismus…

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Die sehr ausführliche Hausführung war eine wunderbare, informative Zeitreise.
Und ich habe hier ein schnuckeliges Zimmer für die nächsten Tage, in denen ich mich um mein Tablet kümmern muss.
Das Display hat Risse. Es wird wohl so nicht lange halten. Am oberen Rand splittert es schon.
Aber auch so wird es irgendwie weitergehen.
Erstmal ein kleiner Spaziergang um das Haus herum… Sommerhausen hat keine zweitausend Einwohner, mehrere Theater und Ateliers, Dicke Schutzmauern,Türme, nur alte Häuser, eine prächtige Kirche, ein noch prächtigeres Schloß und ein sehr prächtiges Rathaus. Man hat sich hier nichts geschenkt!
Auf einen Sohn Sommerhausens bin ich hier gestoßen, bei meinen Gastgebern um die Ecke, auf der Schaufensterscheibe der Vinothek des fränkischen Weinbaupräsidenten Arthur Steinmann:
Francis Daniell Pastorius.
Pastorius war der Erste Deutsche Einwanderer in Amerika. Er war Quäker und dementsprechend lehnte er die Herrschaft von Menschen über Menschen ab. Und tat es kund!

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“1688 initiierte Pastorius den ersten Protest gegen die Sklaverei in Amerika. Wie sind doch viele auf See voller Angst und verzagt, wenn sie ein fremdes Schiff sichten.
WIR SOLLTEN ALLEN MENSCHEN GLEICHES TUN, WAS WIR ERWARTEN DASS UNS GETAN WIRD.
OHNE UNTERSCHIED DES GESCHLECHTES, DER HERKUNFT ODER DER FARBE.
WAS AUF DER WELT KANN UNS SCHLIMMERES ANGETAN WERDEN, ALS DAS UNS MENSCHEN RAUBEN UND ENTFÜHREN. Und dann als Sklaven im Ausland verkaufen und dabei Gatten und Ehefrauen und Kinder voneinander trennen. Wenn es bis heute nicht so geschah, kann es uns noch so ergehen.
DAHER PROTESTIEREN WIR und sind gegen diesen Menschenhandel.
Jeder Mensch sollte aus den Händen der Räuber befreit werden. Falls sich diese Sklaven einmal zusammenschließen sollten, UND UM IHRE FREIHEIT KÄMPFEN, und ihre Herren und Herrinnen so behandeln, wie diese vorher mit ihnen verfuhren, werden dann diese Herren und Herrinnen das Schwert ergreifen und gegen jene armen Sklaven mit Waffengewalt vorgehen?
Oder haben diese nicht das gleiche Recht , um ihre Freiheit zu kämpfen, wie ihr es habt, um sie als Sklaven zu halten? ÜBERLEGT NUN DIESE SACHE GRÜNDLICH, OB SIE GUT ODER SCHLECHT IST!”

Ich schließe mich ihm an!