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Tag 267 bis 282 – Wagenplatz und Wirprozess

Nach Tagen in Bingen, wo ich einige Wehwehchen auskurieren durfte und konnte. Meine liebsten Heilpraktiker haben mich mit Medizin versorgt, gegen die aufkeimende Erkältung, und meine Wirbel eingerenkt. Am 277. Tag stand ich dann an der Raststätte Medenbach, die Nase Richtung Crailsheim. Die Lebensgemeinschaft “Schloß Tempelhof” sollte mein nächstes Ziel sein. Thomas hat mich dann auch, bei sehr schönem und angenehmem Gespräch nach Würzburg mitgenommen, zu der Raststätte, wo auf der anderen Seite der Autobahn noch vor einigen Tagen mein Rohrhotel war. An der Raststätte Würzburg mußte ich lange warten. Ich bin inzwischen so sehr geduldig geworden, genieße die kurzen und schönen Momente und Begegnungen, die sich unterwegs ergeben so sehr, weil ich weiß, es wird irgendwann etwas kommen. Weil ich erkannt habe, daß Erfolge das sind was aus dem, was ich tue erfolgt, nicht was sich erst einstellt wenn ich das Ziel erreicht habe. Ich bin nur mehr gespannt darauf, was es sein wird. In diesem Fall, wer mich mitnehmen wird…Es war schon dunkel und regnerisch, die Kälte kroch mir unter die Kleider, in die Haut. Ich wünschte mir einen Engel, der mich bis zum Schloß Tempelhof trägt, da ich bei dem Wetter nicht gerne draußen schlafen wollte.
Keine zwei Minuten nach diesen kleinen Wunschgebet stand der Engel neben mir und bot an mich mitzunehmen…direkt bis zur Autobahnabfahrt Crailsheim. Der Engel hieß Pit und war aus den Niederlanden. Dort arbeitet er für einen Coffeeshopbetreiber. Während er bei 140 auf der linken Spur eine lustige Zigarette dreht, erzählte er mir seine Geschichte:
Ein Freund hatte die Idee ein spezielles Raucherutensil herzustellen. Pit bot ihm die Finanzierung des Geschäftes an, unter der Bedingung, daß es aus komplett abbaubarem Material besteht. Und so entwickelten sie ein Granulat aus Hanf und mischten es mit Naturharzen und bekamen ein plastikähnliches Material. Er schenkte mir ein Set mit einigen Zigarettenblättchen und Döschen aus ebendiesem Material, so daß ich mich von der Qualität überzeugen konnte. Das passt so wunderbar in meinen Lauf! Hanf ist eine wunderbare Alternative zu Erdöl und Baumwolle. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war Hanf ein wichtiger Rohstoff. Die Baumwollindustriellen haben sehr viel dafür getan, daß die Weiterentwicklung dieses “open source” Produktes brutal abgebremst würde. Die Pflanze wurde für illegal erklärt und ihr Anbau unter Strafe gestellt. Die öffnende Wirkung dieser Pflanze wurde als Grund benutzt, sie mit strengstem Rauschdrogenverbot zu belegen.
So war die Tür geöffnet für Baumwollbarone ind Ölmilliardäre, für Menschenjagd und Sklavenhaltung, für Entmündigung und Verarmung,für Leid, Not, Elend, Tod….

Diese Dose besteht aus ca. 20% Hanf Teil und 80%Naturharzen, enthält kein Erdöl und ist stabil wie Plastik. Kompostierung und nahezu 100% Abbaubar.
Diese Dose besteht aus ca. 20% aus Hanf und 80% Naturharzen, enthält kein Erdöl und ist stabil wie Plastik.
Kompostierbar und nahezu 100% Abbaubar.

 

Die Fahrt mit Pit war im übrigen sehr lustig und über alle Maßen bereichernd für mich, und er brachte mich an die Autobahnausfahrt zehn Kilometer vor Schloß Tempelhof.
Sofort hielt der zweite Engel, Renate, als ich vergeblich an einer verschloßenen Gasthaustür zog, um dort nach einem Brötchen zum Abendessen zu fragen, fragte wohin ich wolle und bot an mich dort abzuliefern. Was für ein großes Glück ich habe! Wie ich verwöhnt werde. Und ich genieße es, in diesem Vertrauen alles zu finden und zu bekommen, was ich brauche. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

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So erreichte ich Schloß Tempelhof am Abend des 277.sten Lebenslauf-Tages bei Dunkelheit.
Niemand erwartete mich.
Am Ende des Anwesens sah ich ein Feuer und fand mich schnell in geselliger Runde von zehn jungen Menschen, die um das Feuer herum saßen.
Alle arbeiteten freiwillig mit am Bau des “earthship”, eines Gemeinschaftshauses für die ca. 25 Bauwagenplatzbewohner auf dem Gelände des Schloßes.
Bei Benni konnte ich die erste Nacht verbringen. In den nächsten Nächten hatte ich mein Lager auf der Baustelle, in der zukünftigen Wohnküche des earthship ausgelegt.

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Schloß Tempelhof bietet seit 2010 einer Gemeinschaft von derzeit ca. 150 Menschen, einen Ort um eine andere Form von Zusammenleben zu ermöglichen.
Die Gemeinschaft fußt auf einem sehr soliden finanziellen Fundament und ist sehr strukturiert.
Ich schnappe dort jedoch Worte auf, wie….männliche Strukturen, Verantwortung, besorgt, Geld, Druck, Sicherheit….
An vielen Strukturen wird ständig gearbeitet… An Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen, Mitbestimmung, an Gemeinschaftsbildungsprozessen, “Wir-Prozess”. Menschen, die in diese Gemeinschaft ziehen wollen, durchlaufen eine “Annäherungsphase von einem Jahr. Nach dieser Annäherung, die jederzeit von beiden Seiten beendet werden kann, ist dann eine finanzielle Einlage von 30 000 Euro erforderlich, um dort Heimisch werden zu können.
So kommt es schon mal dazu, daß Jemand, der das Geld nicht hat, auch dort nicht leben kann.
Der Wagenplatz hat eine andere Energie. Lustvoll Experimentell, entspannt, spielerisch.

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Trotz der Diskrepanz ist diese Gemeinschaft Tempelhof ein guter Rahmen um Menschen, die außerhalb der Gesellschaftlichen Strukturen Raum suchen, diese Möglichkeit zu erschließen. Das ist ein Glücksfall. Der Wagenplatz, ein kleines Dorf neben und in dem großen Dorf Schloß Tempelhof ist eine gegenseitige Bereicherung, die größtenteils auch so von allen empfunden wird. Die 25 Bewohner des Wagenplatzes, eine Minderheit in der Gruppe der 150 Schloßbewohner, sind maßgebliche Initiatoren des Baus eines Earthship.

Die Süddeutsche schreibt über das Earthship :

“Das Earthship ist ein Haus aus alten Autoreifen, Fliesen und Glasflaschen, hässlich ist es deswegen nicht. Eher erinnert es an die Bauten von Friedensreich Hundertwasser in Wien oder Antoni Gaudí in Barcelona, die ebenfalls mit Bruchsteinen und bunter Keramik spielten. Und es ist autark. “Stellt Euch ein Haus vor, das sich selbst heizt, sein Wasser liefert, Essen produziert. Es braucht keine teure Technologie, recycelt seinen eigenen Abfall, hat seine eigenen Energiequellen. Es kann überall und von jedem gebaut werden, aus Dingen, die unsere Gesellschaft wegwirft.” So beschreibt der US-Amerikaner Michael Reynolds, der das Earthship vor 40 Jahren erfunden hat, sein Konzept, das er inzwischen tausendmal weltweit umgesetzt hat.”

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Max, der den Bau des Schiffes leitet und seine Frau Sarah haben sich in den Tagen meiner rührend angenommen. Ich schlief auf der Baustelle und konnte einige Tage mit einigen anderen Freiwilligen am Bau des
earthship mitarbeiten.

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Es gibt noch einiges mehr im Zukunftsdorf Tempelhof zu entdecken:

Die Schule für freie Entfaltung Schloss Tempelhof
Private Grund- und Werkrealschule
Die Freie Schule Tempelhof mit ca. 50 Schülern von fünf bis sechzehn Jahren wurde vor Zweieinhalb Jahren gegründet. Im letzten Jahr ist eine Jurte dazugekommen, als Ergänzung der Schulräume. Sie bietet Raum für die Jüngeren und für Kinder im Übergang vom Kindergarten in die Schule.

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Die Kinder entscheiden hier selber, wann sie vom Kiga in die Schule wechseln.
Ich habe auf meinem Weg auch Familien kennengelernt, die ihre Kinder nicht in Schulen geben, sogenannte Freilerner. Auch Zuhause bekommen Sie nur hier und da etwas Unterricht, wenn sie etwas explizit lernen möchten. Ansonsten scheinen diese Kinder sehr gut in der Lage, sich selber alles zu erarbeiten, auf natürlichem Weg. Taucht etwas auf, das sie interessiert, stürzen sie sich auf diese Themen und dringen tief ein. Der natürliche Lernimpuls, den jedes Kleinkind von Geburt an hat, wird nicht durch die Einschulung unterbrochen, sondern erfährt eine gelassene, sich entwickelnde Dynamik.

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Diejenigen “Schulverweigerer”, die ich getroffen habe, waren Schülern im gleichen Alter um Längen voraus. Leider ist es in Deutschland nicht erlaubt, seine Kinder selbst lernen zu lassen. In Belgien zum Beispiel, geht das unproblematisch.
Die Freie Schule Tempelhof begreift sich als vorübergehend, und visiert “das Dorf als Schule im gegebenen Umfeld” an.
Ich habe drei Tage am earthship mitarbeiten dürfen. Ein gutes Gefühl, mich in dieses wunderbare, zukunftsweisende Projekt einbringen und in gewisser Weise “verewigen” zu dürfen. Viele Reisende kommen, um daran Teil zu nehmen und zu geben.

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Am 282. Tag, am Samstag dann Abschied von Max, Sarah und allen, mit denen ich hier arbeiten, essen, saunen, reden… Sein durfte.
Eckhard nahm mich mit auf die Autobahn und bestand darauf, mich bis Regensburg zu fahren, wo ich Clemens in seiner “Schloßwirtschaft Heitzenhofen” besuchen wollte. Clemens und ich haben uns 22 Jahre nicht gesehen. Wir haben damals im Kafé Lagerhaus zusammengearbeitet.
Er betreibt heute die urige Schloßwirtschaft mit ausgezeichneter Regionaler Küche.

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Eckhard kam noch in den Genuß eines Cappuccino, bevor er sich nach Hause auf den Weg machte.
Die Tage in Heitzenhofen waren sehr angenehm. Abende in der Gaststube, Abwaschdienst während der Sonntagsschicht, Spaziergänge mit Tyson, der gar kein Boxer ist, Gespräche…

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Danke an Sara, Peter, Thomas, Pit, Renate, Max, Sarah, die earthshipler, Eckhard, Clemens, Micha, Tyson…

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