Tag 294 bis 330 – Teil 1 – vegan und verbunden

“Kein Gott- Kein Staat- Kein Fleischsalat”

Im Laufe meiner Wanderung entdecke ich eine tiefe Spiritualität in mir, bisher unbekannte Räume, fühle mich immer mehr verbunden mit Allem. Es ist ein tieferes Vertrauen, als ich es bisher kannte, es ist ein Hingeben und Annehmen.
Mich verläßt endlich mein “etwas Wollen, hinbiegen, forcieren”.
Eine Dynamik ergreift und trägt mich. Ich gehe weiterhin nur mit.
Wenn ich unterwegs bin, und ein Bedürfnis habe, öffne ich dort, wo ich bin, einfach nur einen Raum, aus dem ich einen halben Schritt heraustrete, so daß Platz ist, für das was sich einstellen will.
So bin ich im Schloß Tonndorf angekommen, und habe mich auf dem Menschenleeren, abendlichen Schloßhof auf eine Bank gesetzt, ohne irgendetwas zu wollen.
Es hat nur Minuten gedauert, da kam Robert, einer der Bewohner der Gemeinschaft auf mich zu und lud mich ein zu bleiben. Es war Mögen auf den ersten Blick. Drei Nächte durfte ich, dank Robert und Nadine in diese Gemeinschaft hineinspüren.
Ich bekomme in den letzten Wochen in den vielen Gemeinschaften, einiges über Umgang mit Konflikten, Entscheidungsfindung und anderen Mitmenschlichen Prozessen mit. Viele Gedanken, Bilder und Ideen stellen sich dazu ein.

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Jetzt bin ich gerade mit Hannes unterwegs. Auch zwischen uns gab es einige Augenblicke mit verschiedenen Ansichten und Herangehensweisen.
Zum Beispiel standen wir an einer Weggabelung und hatten verschiedene Wünsche. Ich wollte noch ein paar Kilometer weiter zu einer Gemeinschaft gehen, deren Adresse ich im Zegg von Almut bekommen habe. Hannes wollte eine Schutzhütte ansteuern und das Feuer vorbereiten.
Da wir uns nicht einigen konnten, warfen wir eine Münze und ich verlor. Ich habe mich dann sofort auf den Abend mit Hannes am Feuer freuen können. Und es ist ein wunderbar harmonischer und stimmiger Abend geworden.

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Wir haben Äste zusammengetragen und in für in Lagerfeuer tauglicher Größe gestapelt, einen Feuerplatz auf Sand, den wir mit Hilfe einer Plane von einem nahen Haufen holten, errichtet und entzündet. Ein wärmendes Licht, am Ende eines Wandertages, die aufgebauten Schlaflager drumherum, ein Fläschchen Bier zu unserem Wohl. Selbst die Polizisten, die direkt an unser Feuer gefahren kamen, auf der kleinen Lichte am Anfang des Waldweges an der Schutzhütte, sie waren freundlich und erlaubten uns weitere eineinhalb Stunden lang Holz nachzulegen. Mit den Worten, sie hätten sich überzeugt von der vorbildlichen Art der Feuerstelle, wir sollten uns auf sie berufen, gingen sie und wir hatten das Gefühl, sie wären vielleicht gerne in unserer Welt geblieben und hätten sich dazugesetzt.
Und überpünktlich löschten wir unser Feuer und krabbelten in unsere Schlafsäcke.
Hannes wollte lieber eine halbe Stunde eher als ich das Feuer löschen. Ich wollte die geschenkte Zeit voll auskosten.
Ein anschließendes Gespräch über das herausfordern des Glücks, das uns begleitete und leitete, mich auf meinem Weg schon seit Monaten, über das Vertrauen und Verlässlichkeit ließ mich wieder unglaublich viel über mich lernen. Und auch über den Umgang mit den Dingen und Herausforderungen des Lebens.
Hannes und ich sind im Augenblick zu Gast bei Susanne. Und bei Michelle, die zwar in unserem Gastlichen Heim nicht wohnt, die uns dennoch irgendwie genauso aufgenommen hat. Michelle und Susi pflegen eine tiefe offene Verbundenheit und arbeiten zusammen in Susis veganem Kinderheim “Manuka” in Brück. Uns empfängt hier eine tief vertraute und fürsorgliche Atmosphäre.

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Obwohl auch die Tierhaltung im vegan ausgerichteten Verständnis keinen Platz hat, so wie jegliche andere Ausbeutung von Lebewesen durch den Menschen, gibt es in Manuka einige gerettet Tiere, die hier ein sicheres Heim bekommen. Iwan ist eines der zwei Schweine auf dem Hof, neben den Pferden und Ponys. Die Pferde werden nicht geritten und Iwan schläft Mittags am liebsten auf Susannes Schoß ein.

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Hannes ist in den letzten Tagen voll auf Planungsmodus. Er ist einige Tage mit mir unterwegs, um eine Pause einzulegen in der Planungsphase seines earthship. Seine Planung eines Geodomes in Äthiopien ist ein weit fortgeschrittenes und sehr vorbildliches Projekt. Ich konnte in Jena, wo ich Nadine und Boris besuchte und so Hannes kennenlernte, einen Tag seiner Planungsphase miterleben und beteiligt sein. Jetzt, hier in Schlalach plant er mit Susanne, die mit dem Kinderheim von Brück in das fünfzehn Kilometer entfernte Schlalach ziehen möchte, den kompletten Neubau eines Heimgebäudes für fast 15 Kinder. Es ist unglaublich, was für Ideen er aus dem Hut zaubert. Susanne ist glücklich, daß die Planungen so plötzlich so konkret geworden sind. Und am Freitag, bevor sie uns um sechs Uhr abends aufgegriffen hat, hat sie nicht im Traum damit gerechnet, daß sie morgen Mittag, vier Tage später die kompletten Unterlagen ausgedrückt und zum einreichen beim Bauamt in der Hand hält. Es ist eine Freude zu sehen, wie sich alles ineinander fügt.
Auch in meinem Lauf fügt sich alles immer schöner, je mehr ich loslasse.
Die Gespräche zwischen uns sind tiefen Vertrauens, offen und im Dialog. Und immer sind sie von überraschenden Einsichten, Beschauen und Vestehen bestrahlt.
In der heimeligen, hellen Küche auf dem Sofa finde ich ein Heim in mir. Hannes hört Raggae, während er dem wunderbarsten, liebevollsten, wertschätzendsten Kinderheim ins Leben hilft.
Hier tritt mein Lauf wieder in den Vordergrund, den ich momentan sehr stark spüre. Hier finde ich eine Gemeinschaft mit diesen drei Menschen, die sich so leicht und selbstverständlich in völliger Offenheit entwickelt.
Susanne hat mir, trotz meiner Skepsis eines Systemwechsels bei elektronischen Geräten, ein IPad geschenkt! Michelle hat die Sache in die Hand genommen und alle Apps und Programme, die ich brauche, auf dieses Gerät installiert…..und es mir auch noch lieb und geduldig erklärt! Was für ein Geschenk! Sie waren der Meinung, mit meinem tablet, dem der Bildschirm vor einigen Wochen an einer Stuhlkannte zerbrochen ist und zersplitterte, würde ich die nächsten Wochen nicht klarkommen. Trotz meiner Unsicherheit und Überforderung war es gleich beschlossene Sache.
Mein Lauf bekommt gerade in mir eine höhere Dichte, die letzten Wochen waren Phasenweise geprägt von der Frage ” wie geht es weiter nach dem Lauf.”
Meine Kollegen, die mir durch ihr gemeinsames “Ja” diesen Lauf so leicht möglich machten, wollten wissen, wie ich einsetzbar bin, im Schulbuchgeschäft. Seitdem beschäftigte mich die Frage “wie kann ich die Essenz meines Laufes einsetzen und zum Blühen bringen” oder ist es nicht zu vermeiden, daß ich unbemerkt wieder ins Getriebe gerate?
Mir wird immer klarer, daß ich nach meiner Rückkehr im Juni, vieles in meinem Leben ändern werde.
Ich habe verstanden, daß ich vegan werde. Der Wunsch aufgrund eines vermehrten ethischen Verständnisses, wächst seit einiger Zeit. Ich, der auf Käse nie verzichten wollte, habe meine letzte Sicherheit hier in Schlalach bekommen.
Die Klarheit und Entschlossenheit Susannes, in mehreren kleineren Gesprächen während eineinhalb Tagen, über die Verwendung von Eseln als Tragtiere als Trasporttiere im Projekt in Äthiopien, das Hannes seit einiger Zeit akribisch plant und ausarbeitet lief über eineinhalb Tage immer wieder mal.

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Susanne betonte mehrfach, “kein Mensch sollte andere Lebewesen ausbeuten”!
Und Obwohl wir nicht explizit über die Schrecken der Tierhaltung sprachen, hatte jeder von uns ein tiefes Verständnis dazu. Mir selber zogen die Greuelbilder, unseres “menschlichen” Verhaltens wie eine stachelige Perlenschnur an meinem inneren Auge vorbei.
Und mir ist klargeworden, daß angesichts des unsäglichen Leids, daß wir auf dieser Welt in unserer Bornierten Aroganz anrichten, es für mich nicht mehr entschuldbar oder ertragbar ist, einfach so weiterzumachen.
Es war zwischen Hannes und Susi zu keiner Zeit eine Diskussion, sondern lediglich Austauch von Ansichten und Gefühlen.
Das beflügelt mich sehr und ein Bild, daß sich in mir gebildet hat, wird immer stärker und klarer.

Menschen die im Kreis sitzen, um sich einem Thema anzunähern, einen gemeinsamen Weg zu suchen, Aufgaben verteilen….
Jeder in diesem Kreis nutzt seine Art der Meditation, in seine Mitte und das Thema zu kommen….. in das Thema, um das es geht.
Alle sprechen über das was sie fühlen, denken, sehen, was sie bewegt, über ihre Befürchtungen und Ängste.
Wer an der Reihe ist kann einige Sätze sagen, reihum, solange bis es nichts mehr zu sagen gibt.
Was gesagt wird, wird wertlos stehen gelassen. Jeder hört, was das Gegenüber zu sagen hat. In der Mitte des Gesprächskreises entsteht langsam das Ergebnis, zeigt sich der zu gehende Weg, das gemeinsam mögliche Etwas.
Diskussionen werden so vermieden. Letztlich sind Diskussionen auch nur Kämpfe, in denen es darum geht Recht zu haben und eigene Interessen zu wahren und durchzusetzen. Das ist kein Gemeinschaftstaugliches System.
Und jeder hört was der andere sagt.

.….……………………………… Ende Teil Eins

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