Ab Tag 138…… Spaziergänge im Schnee

 

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Liebe Freunde,

ich melde mich jetzt ganz aktuell aus Mainz. Mit Birgit sitze ich in Annas wunderschönsten Küche der Welt und knabbere mitgeschickte Schokolade meiner Mutter. Heute am 5. Dezember ist es genau ein halbes Jahr her, daß ich in Harpstedt zu meinem Friedenslauf aufgebrochen bin.

HALBZEIT!

Mehrfach habe ich in den letzten Wochen versucht, den Reiseblog weiter zu führen…was mir nicht gelungen ist. Einige Notizen führe ich hier zusammen, um Euch von den vergangenen Ereignissen einen kleinen Einblick zu geben. Ich danke Euch für Eure Geduld.

Und hier geht es los.

Spricht der Großvater am Feuer zum Enkel
“Es existieren zwei Wölfe in uns.
Der eine Wolf ist böse.      Er kämpft mit Ärger, Neid, Eifersucht, Sorgen, Gier Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus, und Missgunst.

Der andere Wolf ist gut.         Er kämpft mit Liebe, Freude, Hoffnung, Güte, Mitgefühl, Grosszügigkeit, Vertrauen und Wahrheit.
Fragt der Enkel “Welcher der beiden Wölfe gewinnt?”
“Der, den Du fütterst.”

Heute ist der 171. Tag meiner Reise. Es ist Sonntag, der 22. November.
Es hat in der Nacht geschneit. Heute Morgen habe ich meinen zweistündigen Spaziergang mit dem 7 Monate alten Hundemädchen Mira gemacht. Ich genieße die täglichen Spaziergänge in dieser wunderschönen Umgebung der Bodenseeregion.

 

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Ich habe die Anfrage einer Bekannten angenommen und hüte nun für zwei Wochen ihr Haus und versorge und betreue Mira. Ich komme zur Ruhe, versuche mich an einer Bestandsaufnahme und überlege, wie es für mich jetzt weitergeht.
Der Bodensee ist der südlichste Punkt meines Laufes und die erste Hälfte des Jahres ist fast rum.

Schnee ist gefallen. Es geht für mich im Winter weiter. Es wird völlig anders werden, das ist mir bewußt.

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Mich bewegt ein Thema, eine Idee eines anderen Lebens miteinander.
Und es ist so, als wäre jetzt eine Zeit des kollektiven Aufwachens angebrochen. Überall begegnen mir Menschen, die ihrem tiefen Wunsch nach Gemeinschaft nachgehen, das ist so gut zu spüren.
Seit meiner frühesten Jugend bin ich auf der Suche danach, habe irgendwann die Hoffnung aufgegeben und mich eingereiht. Oder besser, ich habe versucht mich irgendwie einzureihen, was mir aber nie wirklich gut gelungen ist.
Es macht mich gerade unglaublich zuversichtlich und glücklich, daran Teil haben zu können.
Jedoch hatten zwei Ereignisse in den letzten Tagen schon einen sehr großen und herunterziehenden Einfluß auf mich. Die Ereignisse in Paris und die Reaktionen der Menschen darauf und die Entnominierung Xavier Naidoos zum ESC in Oslo 2016. Auch in dem Fall haben mich die Reaktionen zum Teil sehr entmutigt und verzagen lassen. Auf der anderen Seite hat beides eine schöne Welle der friedlichen Solidarität losgelöst, Herzenssolidarität. Einige Berichte habe ich auf meiner Facebookseite gesammelt. (Mehr zu meiner persönlichen Begegnung mit Xavier Naidoo, sowie Berichte über meine Wanderwochen  mit Boris und die Zeit zwischen Mainz und Bodensee folgen in den nächsten Tagen.)
Vieles hat mich wieder, wie so oft, in die Welt der Kämpfe gezogen.
Und ich danke von Herzen allen, die mich darauf aufmerksam gemacht haben.
Also noch einmal für mich…. es ist meine Entscheidung welcher Wolf der stärkere wird oder welcher gewinnt. Mir obliegt es, welche Seite ich nähre.
Und ich entscheide mich für den guten Wolf ab jetzt, in jedem Augenblick neu. Und wenn ich schwach werden sollte, hoffe ich, daß ein Engel mich sanft in die Spur stubst. So, wie es mir heute und in den letzten Tagen immer wieder passiert ist.

Zusammen mit Mira durchstreife ich die bewaldeten Hügel und Tobel dieser wunderschön sanft geschwungenen Gegend.
Zwei Beinahe-Wölfe auf ihren Streifzügen.

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Ich genieße das sehr.

Ich freue mich aber auch auf die kommende Zeit mit Boris, wenn es denn weitergeht.Boris habe ich, wie viele andere aktive und motivierte Menschen, auf dem UTOPIVAL  in Lindlar, Anfang August kennengelernt. Er ist aus seinem Beruf ausgestiegen, um sich für unbestimmte Zeit in Gemeinschaften und Projekten umzuschauen. Es ergab sich, daß wir wieder in Kontakt gekommen sind und beschloßen haben, einige Zeit gemeinsam zu gehen. Das haben wir zwei Wochen gemacht und beide schnell festgestellt, daß es sehr stimmig ist, wir gut harmonieren und uns super ergänzen. Wir hören aufeinander, reflektieren uns in Situationen, sprechen offen, und lachen viel, manchmal bis der Bauch weh tut. Wir genießen es sehr. Zwei Wochen war ich mit Boris unterwegs. In dieser Zeit hat Boris täglich kleine Situationen, in die wir gerieten, in treffenden Artikeln aufgeschrieben und auf der Lebenslauf-Facebook-Seite veröffentlicht.DSC_0267

Es ist eine wunderbare, leichte Zeit für uns, jedoch in dem Bewußtsein, das rings um uns herum gerade das Chaos ausbricht. Alles entwickelt sich ungehemmt rasant und scheint bald zu entgleisen. Wir müssen jetzt hinsehen.

Wir haben die Wahl. Wenn jetzt unser aller Bewegung zu einer wird, dann geht es. Dann ist es möglich, daß wir Zeugen des Ausbruchs des Weltfriedens sind. Was für ein wunderschöner Gedanke!

Das ist das Motiv, welches mich bewegt.

Ich nutze die Zeit am Bodensee im Moment für lange Spaziergänge im Innen und Außen. Mira und ich streifen stundenlang durch die Wälder und Tobel. Ich werfe Stöckchen und Mira flitzt unglaublich schnell die um die 20 Meter tiefen und teilweise senkrecht abfallenden Böschungen runter und wieder rauf. Tobel sind mehrere hundert Meter lange, über Jahrhunderte von Bächen in den Lehmigen Boden eingegrabe Schluchten. Mira liebt es hoch und runter zu flitzen, durchs Laub hinein in den Bach. Ich genieße es zuzuschauen. Meistens findet sie den Stock; ich freue mich dann richtig.

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Die Wälder sind diesig, neblig, sonnig trocken, regennass, momentan von weißem Schnee bedeckt. Jeden Tag ist es besonders, immer anders. Wir gehen oftmals in der Dunkelheit, die auch jeden Tag anders ist, im Wald.
Neulich machte Mira einen tollen Fund, einen großen Knochen den sie ebenso, wie ihren gestrigen Fund, den blanken Schädel eines größeren Tieres… er war außen etwas glitschig und ich hatte das Gefühl, er war noch gefüllt, zwischen den Zähnen durch die Wälder trägt. Mira kann sich nur schwer von ihm trennen, schleppt ihn mehrere Kilometer mit und knuspert ab und an mal an ihm.
Gestern Abend hat sie ihn dann irgendwo abgelegt, um ihn heute glücklich wieder zu finden und ihn eineinhalb Stunden durch den Wald zu tragen. Sie hat ihn dann kurz vor Ende des Spazierganges, aus eigenem Impuls irgendwo im Wald abgelegt, um ihn dann morgen früh wieder zu entdecken.

Die inneren Spaziergänge führen mich durch Gärten.
Sie führen mich in Gegenden wo die Vielfalt der Menschen mit der Vielfalt an Pflanzen und Tieren, gemeinsam mit einander, durch einander existiert. Wo alles seinen Platz hat. Nicht Monokultur sondern permakulturell.In Achtsamkeit und Wertschätzung. Kampffrei, solidarisch….keine Notwendigkeit mehr für Geld oder Grenzen. Um Geld und an Grenzen gibt’s das meiste Gekloppe.

Jeder fragt sich wohl jetzt….aber wie ging es weiter zum Bodensee…..? Wen hast Du getroffen, was hast Du erlebt?

Tag 137 -….. Mainz bis Zum Bodensee

Nach der Zeit mit Doreen (voriger Blog) bin ich in Mainz gelandet, in der WG bei Olli, Jenni und Phillip.

Gestern erlebte ich folgendes, als ich Rast neben einem Supermarkt machte:
Ich saß da und ließ mir ein Croissant schmecken, daß ich am Tage vorher bei Willis Kiosk bekommen hatte. Er packte mir am frühen Nachmittag zwei Tüten mit vier Croissants und mehreren Laugenstangen und -Brötchen, mit den Worten…”Die hätte ich wahrscheinlich heute abend weggeworfen”.
Eines davon ließ ich mir auf einer kleinen Rast unter einem Supermarkt Dachüberstand schmecken, als eine Dame mir zehn Euro zustecken wollte.
Auf meine Erwiderung, ich danke ihr von Herzen, aber nehme grundsätzlich kein Geld an, war sie fast betrübt und fragte dann, ob sie mir etwas zu Essen schenken dürfe. Ich sagte, ich würde sehr gerne zwei Brötchen annehmen, für die nächste Mahlzeit. Eine andere Dame gesellte sich dazu und sagte: “Aber ich möchte Ihnen auch etwas schenken!”
Beide kamen sehr schnell überein, daß die eine Brötchen holt und die andere ein Stück Käse. Ich hatte am Ende Brötchen, Kuchen, vier Pakete Käse, fünf Bananen, ein Sechserpack Äpfel. Mein Rucksack konnte all das nicht fassen. Ich hatte auch selber noch vier, am Straßenrand gepflückt Äpfel im Beutel.
Da ich die letzten Tage sehr Rückenprobleme hatte, und an dem Abend noch mehr als zehn Kilometer zu meiner Übernachtungseinladung in Lorsch vor mir lagen, ging ich zur Bäckerin, die alles freudig beobachtet hatte und schenkte ihr die Äpfel.
Sie freute sich und sagte, sie wolle mir auch gerne etwas schenken, und gab mir aus ihrer Tasche zwei Becher mit einem Kaffeegetränk, für mich eine wundervolle Abwechslung.
So waren vier Menschen durch schenken und verschenken sehr erfüllt.

Ein prächtiges Geschenkefest!

Ich beobachte oft in letzter Zeit, wie Menschen, wenn sie Gelegenheit zum schenken bekommen, regelrecht aufblühen und sichtlich Freude daran haben. Das ist so schön zu sehen und freut mich als Beschenkter um so mehr.

Gerade seit Mainz ist das Thema Ernährung ein größeres Thema für mich geworden. Ich habe in Mainz von den Menschen im Liebermenschhaus, das sind Tobi, Pia, Lotte und alle anderen  von ” living utopia”, Brot geschenkt bekommen, und fragte am nächsten Tag in einem Supermarkt nach altem, nicht mehr verkäuflichem Belag für das trockene Brot, das auch schon vor dem Wegwerfen gerettet wurde. Man sagte mir….. “Nein, man könne mir nichts geben. Der Chef sagt, alles wird weggeworfen. Grundsätzlich! Und die Angestellten seien da, um das zu tun was der Chef sagt…”
Ist das der Preis für eine klägliche Arbeitsstelle? Oder ist das sogar die alleinige Aufgabe, bekommt man dort genau dafür sein Geld?  —Wie traurig!
Oftmals aber begegne ich Menschen, denen es Freude macht, mir ein kleines Lunchpaket mitzugeben, oder die mich einfach bewirten wollen, obwohl ich nur ein Stückchen Brot, oder Wasser für meine Flasche brauche, oder zur Toilette muß.
Und selber merke ich, wenn ich etwas verschenke – was auch vorkommt, daß es mich freut, wenn sich der oder die Beschenkte freut. Und es wird nicht weniger dadurch in meinem Beutel, sondern eher mehr…..!
Und ich ahne, wie die Welt wäre, wenn wir uns alle gegenseitig einfach nur beschenken würden, mit dem was wir benötigen….. Dann würde niemandem etwas fehlen. Das Gegenteil dessen, wozu unsere Ängste und Sorgen uns anhalten, ist der Fall.  —-Lets try it!!!
In Lorsch habe ich zwei Tage bei Silke, Christian und Elea verbracht.
Sie haben mich wunderbar aufgenommen. Der Kontakt mit Silke ist über Facebook entstanden, wie einige andere Kontakte auch. Facebook kann sehr verbindend sein. Das gefällt mir!!
Dann bin ich irgendwann abends in Worms angekommen und von dem Wirt Andreas, seiner Frau und Anna im “Saloon” gut aufgenommen worden. Die Frage nach Wasser für meine Flasche führte zu einer Schlemmerei ohne Gleichen

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Großherzig hat mir Andreas angeboten im Garten zu übernachten. Da kein Regen zu erwarten war, schlug ich mein Lager dort auf und bin am Morgen von zwei Pitbulls geweckt worden, die sich vor mir sehr laut drohend aufbauten und mich unter lautem Bellen und Knurren vertreiben wollten.
Glück sei Dank habe ich meine große Furcht vor Hunden verloren. Sie hatten weitaus mehr Angst als ich und schienen kampfbereit. Nach geraumer Zeit sind sie dann doch der Stimme aus dem Fenster gefolgt und haben sich zur Tür geschlichen.
So konnte ich in meinem Morgenlager die mit Rosinenquark gefüllten Pfannkuchen genießen, die Anna mir mitgegeben hatte.
Drei Menschen mit großem Herzen habe ich im Saloon getroffen.

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Fortsetzung folgt………