Mit Boris unterwegs zum Bodensee… Teil 1

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Am 154. Tag meiner Reise brachen Boris und ich in Heidelberg auf.
Wir wanderten über Hockenheim und Oberhausen-Rheinhausen zur Autobahnraststätte Bruchsal. Von dort wollten wir die restliche Strecke zum Bodensee per Anhalter zurücklegen.
Ich hatte Elke, einer Bekannten, die für zwei Wochen in Deutschland verschiedene Seminare gab, zugesagt ihr Acht Monate altes Hundemädchen Mira zu versorgen. Ich wollte die Zeit nutzen, um einfach mal etwas ähnliches, wie eine kleine Inventur meiner Reise machen. Es war zeitlich die Hälfte meiner Reise und auch der Bodensee markierte Geographisch meine Wendemarke. Ich nutzte die Zeit in Limpach für lange, mehrere Stunden währende Spaziergängen mit Mira.
Jetzt, im Winter ist es für mich unumgänglich, öfter Quartier zu haben, schöne und herzliche Einladungen anzunehmen. Einige Gegenden habe ich auf meiner Wanderung auslassen müssen. Die werde ich bis Februar bereisen, Menschen besuchen, zwischendurch immer wieder auch Wandern und mich dem Leben unterwegs hingeben. Räume schaffen, in denen alles möglich sein kann. Ab Februar werde ich im Süden wieder ansetzen und gen Heimat wandern, ausschließlich zu Fuß.
Am Bodensee um Limpach herum war es einfach schön.
Als Boris und ich Heidelberg verließen, begann eine besondere Zeit.
Von Anfang an gingen wir gemeinsam in unsere Aufgaben und Situationen heran, tauschten uns darüber auf einer verständigen Ebene aus, reflektierten und berieten, bei großer Nähe und objektiven Abstand. Wunderbar. Auf unserem Weg zum Bodensee sind uns viele Menschen in unterschiedlichen Situationen begegnet, Momente, die uns tief berührt, oder froh gemacht haben.

Zum Beispiel übernachteten wir in einer Garage, die zur XXL-Taverne gehörte, in der wir am Abend vorher nach Wasser für unsere Flaschen gefragt haben. Magda und Denise haben uns sofort aufgenommen und uns so liebevoll ver- und umsorgt. Am nächsten Morgen lud uns Tadäusz, ein Bauarbeiter aus Polen und Dauerbewohner einer kleinen Wohnung in der XXL-Taverne auf einen Kaffee ein. Er arbeitet schon einige Jahre in einer Baufirma in Deutschland und vermisst die Familie ganz schrecklich. Bei einem guten Cowboykaffee, meinem Lieblingskaffee, erzählte er bis ihm die Tränen kamen. Es war ein sehr berührender und naher Moment. Ein trauriges, unendlich gutes Herz.
Oder in einer Autobahnraststätte, in der wir zwei Frauen mitten in der Nacht nach etwas Essbaren fragten. Sie erklärten uns, es ginge nicht, das sei verboten, die Kameras würden alles aufzeichnen… Wir verstanden und wollten, um niemanden in Bedrängnis zu bringen, sofort gehen, als sie zwei belegte Brötchen vor uns auf den Tresen legten und uns darum baten, sie zu nehmen. Einen neuen Job würden sie immer finden, versicherten uns alle beide. Es war der Wunsch, uns etwas Gutes zu tun und ein wenig Widerstand gegen die Verhältnisse. Es entstand eine Situation, in der wir nicht mehr wußten, was wir tun sollten. Sie hatten sich auf jeden Fall entschieden, uns zu beschenken und so nahmen wir die Brötchen an.
Wir haben viel über diese Situation gesprochen und waren uns hinterher klar darüber, daß wir solch ein Opfer in Zukunft nicht mehr annehmen werden.
Es gab viele gute Momente, in denen wir herzlich aufgenommen wurden.
Boris hat in den Tagen unseres Unterwegsseins die Aufgabe des Chronisten genommen.
Er berichtet sehr viel detaillierter als ich, kommt oft sehr schön direkt auf den Punkt, greift meine Gedanken, unsere Gespräche sehr gut auf.
Ein paar seiner Blogs aus unseren zwei gemeinsamen Tagen folgen unten und sind mit Namen in Klammer markiert……..

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Irgendwann war der Moment, an dem wir beide spürten, daß ein Brötchen, von Herzen bekommen so viel besser schmeckt, als große Speisen, die nicht von Herzen kommen….

(Boris) Angekommen in Oberhausen-Rheinhausen konnten wir unser heute morgen besprochenes Prinzip gleich umsetzen, als wir in einem Restaurant eher hektisch empfangen wurden und ebenso schnell wieder das Weite suchten. Danach haben wir uns beim Italiener herrliche Zaubertricks beibringen lassen und im Ciao Bella Erhan und David (komischer Name für einen Mann mit indischen Wurzeln ) kennengelernt. Hier wurden wir gleich herzlich empfangen, der Laden befindet sich noch im Aufbau, dennoch ließ es sich David nicht nehmen die folgende Stunde nur bei uns zu verbringen und uns eine sehr ordentlich belegte Gemüse Pizza zubereiten zu lassen (köstlicher Gaumenschmaus!).
Erhan wirkte sehr interessiert an unserer Reise. Ein höflicher und anscheinend sehr fleißiger junger Mann, der unter der Woche in einer Fabrik arbeitet und am Wochenende noch in der Pizzeria aushilft. Sein Chef David lobte ihn über den Klee.
David selbst teilte unsere Weltsicht und konnte uns einige interessante Sichtweisen liefern. Wir sprachen über Religionen, alle verschiedenen und dass sie doch dennoch das gleiche meinen. Über die eine Kraft, die alles regelt. Er nahm das Beispiel mit den acht Milliarden Menschen, von denen jeder einzelne völlig verschiedene Fingerabdrücke habe. Gleiches sieht man tatsächlich auch in der Natur und Tierwelt überall, wo Ordnung und Chaos in schierer Harmonie zu funktionieren scheinen. Keine Delfinflosse, kein Leopardenmuster gleicht dem anderen. Wer leitet diese “Ordnung”?
Wir sprachen über die schwierigen Situationen weltweit. Er berichtete von Armut, fehlendem Zugang zu Trinkwasser und Menschen – die nichts verändern wollen – aus Indien. Er sei Deutschland sehr dankbar für alles, was er hier lernen durfte. Lernen über das Leben, nicht das, was man in Schulen “lernt”, meint er.
Aber das Miteinander und Fürsorge vermisse er hier vor allem, das fehle den Menschen.
Nachdem wir uns mehrfach bei ihm für alles bedankten, intensivierte sich der Wille meinerseits nun nur Herzensessen anzunehmen.
Was Karma so alles drauf hat, sollte sich dann noch am gleichen Abend herausstellen.

Wir folgten dem Rat des Italieners, der uns von einer Halle erzählte, die wir zur Übernachtung nutzen könnten. Der Straße folgen und auf der linken Seite, nichts leichter als das.
Nach einer kurzen Odyssee wollten wir in der XXL Taverne nochmal nach dem Weg fragen. Denise, die uns am Eingang empfing und zunächst fragte, ob wir ein Zimmer gemietet hätten, kommt allerdings nicht aus der Gegend, wusste es also nicht. Auch Magdalena, die Besitzerin, kannte keinen Rat. Scheinbar gab es keine Halle zur Nutzung. Die letzten Kunden waren noch da, im Inbegriff zu gehen.
Wir kamen ins Gespräch, Denise blühte immer weiter auf und beschenkte uns mit ihrem Lachen von Herzen und sehr viel Aufmerksamkeit. Magdalena gesellte sich immer wieder dazu, bereitete uns unglaublich leckeren und großen bunten Salat vor. Brot. Wasser. Rippchen für Jens. Liebe. Zeit. Empathie. Ein Dach über den Köpfen. Frühstück für morgen. Herzlichkeit. Alles, was unser Herz begehrt. Wir sind binnen weniger Momente überflutet worden mit unvorhersehbaren Gesten und Emotionen. Wie schön und unkompliziert es doch laufen kann. 🙂
Denise fand richtig Gefallen an unserem Vorhaben, sie und Magdalena werden wir morgen Mittag Wiedersehen und uns mit einem sehr guten Gefühl und tiefer Dankbarkeit verabschieden.

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Wie machen wir den Menschen bewusst, möglichst ohne zu viel ihrer Zeit zu beanspruchen, dass unsere Reise eine selbstbestimmte Entscheidung ist, wir in keiner Not sind und durch unsere Kontaktaufnahmen doch eigentlich auf Frieden und ein solidarisches Miteinander aufmerksam machen möchten?
Mit dieser Frage im Hinterkopf und einer guten Portion Achtsamkeit betraten wir später ein China Lokal. Eine Gruppe junger Leute war noch anwesend, wir stellten uns beim Personal vor und fragten nach einer Möglichkeit Wasser aufzufüllen. Diese wurde uns genehmigt und Daniele, der erste der Gruppe sprach uns auf unsere Reise an. Wir kamen direkt ins Gespräch, Jeremias, Ashley und Mona gesellten sich dazu. Wir verabschiedeten uns wieder voneinander, da die Gruppe bereits zwei Stunden im Lokal war und jetzt nach Hause wollte. Doch ihr Interesse schien geweckt, denn umgehend kam Ashley wieder ins Lokal und bot uns Kaugummis an. Diese Abwechslung nahmen wir an, vor allem, weil Jens und ich beide von Anfang an ein sehr gutes Gefühl bei der Gruppe hatten. Das waren herzliche Menschen vom Feinsten, was ich aus meiner Altersklasse nicht unbedingt gewohnt bin.
Kurz darauf kam Ashley erneut mit Daniele rein, sie bestanden darauf uns eine Mahlzeit auszugeben, wir ließen sie jedoch entscheiden. So machen wir es immer, da wir bewusst keine Ansprüche stellen möchten. Wer unser Vorhaben in welcher Form auch immer unterstützen möchte, soll es bitte von sich heraus machen. Was aus einem selbst kommt, und sei es nur eine Idee, überzeugt und fruchtet viel besser.
Als die beiden bestellen wollten ergänzte die Verkäuferin gleich, dass das Lokal die Kosten übernehmen wird. Keiner brauchte zu zahlen. Karma hatte zugeschlagen, dank Daniele und Ashley. Wir machten noch ein gemeinsames Bild, unterhielten uns kurz und hoffen innig, mindestens einen von ihnen wiederzusehen oder vielleicht sogar auf dieser Seite zu finden. Vielen Dank euch, bleibt so wahrhaftig und offen, wie ihr auf uns gewirkt habt! Das ist die next generation.

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