Tag 107 bis 137 – Fluß und Überfluß

Tag 107 bis 137 Koblenz-Bingen-Mainz-Boos-Kreuznach-Bingen-Wiesbaden-Mainz…… Rhein und Nahe

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Nach einigen schönen Tagen in Koblenz bei Lara, und dem Besuch meines Sohnes Yaro, ging es dann erstmal am Rhein weiter.

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Seit Köln Folge ich nun dem Rhein Flußaufwärts.
Dieser alte, ruhige und lange Fluß hat auch meine Gedanken sehr fließen lassen.

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An der Nahe war es anders, ich konnte besser fokussieren. Die Nahe hat mir ein tieferes und näheres Gefühl gegeben. So nah an der Natur, war auch ich näher an den Punkten, die mich bewegen. Der Rhein war wie ein Pfannkuchengericht, die Nahe eines mit Natürlichen Zutaten, Gemüse und Reis oder Hirse, ein frisches und nahrhaftes. Eines daß alles bereit hielt, was ich brauchte.
Wo ich die Zutaten gut erkennen konnte, das mir Appetit bescherte und mich mehr zu Frieden kommen ließ.
Ich konnte schöne klare Details erkennen, in der Nahetur um mich herum, in meinen Bildern fügte sich einiges zusammen. Neue Fragen tauchten auf.
Wie kann es einen Bewußtseinsschub geben, der alle Menschen auf einen friedlichen Weg bringt? Was ist der mögliche Funke, der all das, was an wandelnden, transformatorischen und heilenden Energien vorhanden ist, bei vielen Menschen, in verschiedenen Bereichen, zur Explosion bringt?
Wie kann der Weltfriede mit einem Mal ausbrechen und sich ausbreiten.
Was ist die Initialzündung?
Muß es wirklich so werden, wie mir viele Menschen ernsthaft überzeugt versichern? Muß sich die Menschheit erst in eine Situation bringen, die so katastrophal ist, daß sie nur wenige überleben und von vorne beginnen können? Ist das ein Naturgesetz, ein Gottesgesetz?
Wie können wir es besser machen?
An den Ufern der Flüsse komme ich an Brücken vorbei, die ein Ufer mit dem anderen verbinden. Eine solche Brücke braucht es. Eine Verbindung.
Eine Friedensbrücke.
Ein Anstoß.
Etwas das beginnt und in kürzester Zeit eine große Energie entwickelt und freisetzt, nicht mehr aufzuhalten ist und alles mit sich zieht.
Vielleicht eine Gemeinschaft, die plötzlich entsteht und sich in unvorstellbarer Geschwindigkeit ausbreitet. Etwas, das niemanden unberührt läßt.
Etwas, das aufdeckt ohne zu zerstören.
Eine Explosion des Lebens. Die Brücke in eine lebenswerte, gerechte und nachhaltige Welt.
Viele Bilder hat mir die Nahe-Natur gegeben….

Den Rhein herauf habe ich soviel herzliche Menschen getroffen, sie haben mich den ganzen Weg hierher gestützt und beflügelt und manchmal getragen. So Dumm stelle ich mich manchmal an, im Umgang, so unbeholfen. Es ist ein auf und ab.
Der Grund jedoch ist immer noch ein klarer, stabiler, immer wieder stärkend aus sich heraus.

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Olaf, Koch in St.Goar, hat mich aufgenommen. Mit großem Herzen. Dort konnte ich kurz auftanken. Schöne kleine Orte direkt am Fluß.
Rhens, Boppard, St.Goar, Bad Salzig, Oberwesel, Bacharat….

Viele schöne Begegnungen, gute Gespräche, großherzige Essensgeschenke….Zustimmung immer wieder…
In Mainz war ich Gast in einer WG, Floh hatte ich in Lindlar kennengelernt. Er war dort Helfer des Mitmachkongreßes “utopival”, an dem ich Anfang August teilgenommen hatte.
Flo ist aktiver Lebensmittelretter. Hier in Mainz gibt es eine aktive Food-sharing-Szene, einige organisierte Menschen, die auf Wochenmärkten und in Supermärkten Lebensmittel einsammeln, die nicht mehr Verkaufsfähig sind. Lebensmittel werden auch aus den Supermarkt-Abfallcontainern gefischt. Oftmals ist das Mindesthaltbarkeitsdatum kurz vor dem Ablauf. Ich selber frage inzwischen immer nach Lebensmitteln, die kurz vor dem Wegwerfen sind. Ich ernähre mich teilweise gut von Essen, daß niemand mehr kaufen möchte.
Seit mir bewußt geworden ist, das in unserem Land alleine 50% aller Lebensmittel vernichtet werden, fällt es mir nicht schwer, nach solchen zu fragen. Ich habe nicht das Gefühl dabei, ich würde “Schmarotzen”, “Auf Kosten anderer Leben”, wie ich auch schon gehört habe. Weniger sogar, als ich jetzt in der Rückschau meines früheren Verhaltens das Gefühl habe. Im Gegenteil.
Immer öfter ergeben sich daraus gute Gespräche zum Thema. Und es geht manchmal auch in Richtung Frieden und Flucht. Und es gibt viele, die Aktion anerkennende Zustimmung. Ich kann hier und da vielleicht Impulse geben.
Auch einige Aktive Menschen von “living utopia” leben in Mainz. Dort haben sieben Menschen ein Haus bezogen und nutzen diesen Ort als Basis, sinnvolle und nachhaltige Zukunftsprojekte zu entwickeln und auf den Weg zu bringen.
www.livingutopia.org

Anschließend ging es für mich zurück nach Bingen, wo ich in naher Umgebung für einige Tage bei Freunden wohnen konnte. Sara und Peter sind Heilpraktiker mit eigener wunderschönen Praxis in Bingen. Hier wird zugehört und mit Herz geheilt.
Peter ist sehr praktisch veranlagt. Er hat sogar Überlegt, ob es nicht gut wäre, mich mit einem kleinen schiebbaren Wägelchen auszustatten, ihn zu bauen, der mir hilft, mich vor Kälte zu schützen und mir den Weg erleichtert. Danke für diese Fürsorge.
Einige wunderbare und schöne Tage habe ich bei Ihnen verbracht, geborgen und aufgehoben.
Und dann folgte ich dem Ruf die Nahe hinauf. Dieser schöne Fluß hat mich angezogen, eingesogen. Viele klare Gedanken hat er mir gegeben.
Die Gegend um die Nahe und ihre Ufer sind sehr Natürlich belassen und ich konnte mehrmals Eisvögel, einen Gartenschläfer, mehrere große Rote Eichhörnchen beim ausdauernden Spiele, viele Arten freilebender Enten und Gänse und sogar einen Pirol beobachten….

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Mehrere Tage habe ich dort auf Saras Grundstück, dem Gärtchen, unter meinem Tarp verbracht. Ich habe an einer Treppe gebaut, die vom Garten an den Fluß führt.
Eine Feuerstelle habe ich gebaut, und oft genossen in der Zeit…..

Ich habe viele Gedanken weiterführen können. Neue Bilder haben sich dazu gesellt.
Am Dienstag ist Doreen zu mir ins Gärtchen gekommen. Auch wir haben uns auf dem utopival kennengelernt und beschlossen, ein wenig zusammen zu gehen.
Wir sind eine Woche zusammen gegangen, für mich eine neue Erfahrung.

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Eigentlich wollte sie mich in Richtung Mannheim, Heidelberg begleiten.
Stattdessen hat es uns nach Wiesbaden geleitet. Ich kuriere hier meinen verrissenen Rücken, und versuche meine Isomatte zu reparieren, was mir nicht gelingen will. Eine Nacht unter Robinien hat ihr leider ein paar Löcher beschert. Eines habe ich inzwischen gefunden, sie verliert jedoch weiterhin Luft. Mehrere Nächte mußte ich so auf dem nackten Boden verbringen. Das hat meinem Rücken nicht gut getan.
Doreen und ich sind an der Nahe wieder Richtung Bad Kreuznach gegangen. Hier konnte ich ihr das “Lebensläufer-Freigehege zeigen, einen meiner Nachtplätze, diesmal mitten in der Stadt. Ich bin hier mit den Worten begrüßt worden “verschwinden sie sofort!!!”

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Was ich nicht als so dringlich empfand. Mich hat ja das Schild gelockt, das in diesem Rasenstück gepflanzt war, das mich einlud mit den Worten….”Historisch, Gemütlich, Romantisch, Menschlich”.
Am Morgen überraschte mich der Besitzer des Eiscafe’ Emilia mit einem Richtig guten Kaffee, den er mir mit den Worten…”Hier mein Freund” überreichte und mich beglückte. Der Apfelkuchen, den er mir auch noch brachte, war mir ein gutes Frühstück, für Magen und Herz!
Die beste Mahlzeit ist die, die den Magen füllt UND das Herz streichelt.
Eine solche Herzensnahrung bekomme ich des öfteren. Auch gemeinsam mit Doreen gab es einige dieser Essensherzlichkeiten.
Zum Beispiel in Bad Münster, wo wir in einem Kurhotel die Flaschen füllen wollten und nach etwas, nicht mehr verkäuflich Essen fragten. Wir würden mit leckeren Toasts, Getränken und einem Obstbeutel für die Wanderung bedacht.
Oder in Bad Kreuznach, wo uns Lisa in der kleinen Kneipe in der Kreuzstraße mit einer guten Mahlzeit verwöhnt hat, uns eine Tüte mit viel Proviant überreichte und uns außerdem am nächsten Morgen zum Kaffee einlud.

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Den Frühstückskaffee haben wir zusammen mit Olli, einem gemeinsamen Freund aus Mainz genossen, der am Sonntag nach Bad Kreuznach zu Besuch gekommen ist. Wir sind zu dritt über Deiche, bei Sonne und vorwinterlicher Kälte, die Nahe entlang nach Gensingen gewandert.
Abends hat Olli den Zug nach Mainz bestiegen und Doreen und ich haben uns einen Platz auf der Bahnhofsrückseite am Feld gesucht.

Die Nächte werden kälter…..
Wieder in Bingen kamen wir zufällig an der Unterkunft für Obdachlose vorbei, wo uns Kai ansprach und uns zu einer warmen Kartoffelsuppe mit Brot einlud. Übernachten lassen könne er uns nicht, ließ er uns gleich wissen, da wir keine OfW’s sind….”Ohne festen Wohnsitz”, sondern nur auf Platte!
Das Heim ist gemütlich. Drei Männer spielten Karten als wir eintraten und nahmen kaum Notiz von.
In dieser gepflegten und sauberen Unterkunft ist Raum für sechs Männer und drei Frauen.

Wir lernten dort auch Lars kennen, der uns viele Tipps zur Essensbereitung und zu anderen Thematiken zum Leben auf der Straße geben konnte. Lars stand nach eigenen Angaben des öfteren in der Bildzeitung. Er ist einer von vier bekennenden Hobos in Deutschland.
HOBO heißt: Landstreicher, Abenteurer und Gelegenheitsarbeiter in einem. Ein Jahr macht er das jetzt, wie viele hat er damit angefangen, weil ihn das Leben aus seiner Bahn geworfen hat.
Er scheint es aber zu genießen, und ist alles andere als bedauernswert.

Angesichts meines sehr schmerzenden Rückens, meiner kaputten Luftmatratze und der Ankündigung einer kalten und sehr nassen Nacht mit Schneefall, haben wir die letzten Kilometer nach Wiesbaden per Anhalter zurück gelegt. Ich hatte die Gelegenheit bei Doreen und Nils zwei Tage zu bleiben, und meinen Rücken mit ein paar Übungen und viel Wärme, auch von meinen Gastgebern, zu kurieren.
Und jetzt ein Restverschnauf in Mainz, bei Olli. Und Morgen geht es weiter Richtung Mannheim. Ich werde die Rheinseite wechseln.
Mal sehen, was mich erwartet…….

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