Tag 68 bis 89 – Brötchenrettung und Besuch

68 – 89 Di – Sa. 11.8. – 01.9. DSC_0382

Nachdem ich Dawnie und Patrick verlassen habe, besuchte ich Christoffer in der Nähe von Overath. Ihn habe ich auf dem Utopival kennengelernt. Ein Junger, und sehr engagierter Mensch. Christopher traf ich, als ich aus dem Wald trat. Er war dabei, Steinplatten zwischen Brombeersträucher zu legen, auf einem großen, an einen Wald angrenzendem, mit Brombeeren bewachsenen, wilden Grundstück. Er möchte dieses Eck, zusammen mit Gleichgesinnten in einen Permakulturellen Ort verwandeln. Ich bin sehr froh über solche Menschen, die sich so sehr einsetzen, ihren Teil dafür zu tun, etwas besser zu machen, die Welt zu einem besseren Ort. Die nicht den Kopf in den Sand stecken und sich ergeben, sondern ihre Ideen und Überzeugungen, ihre Energie und Zeit hingeben, um aktiv mit zu gestalten.

Köln habe ich am frühen Morgen des 68. Lebenslauf-Tages erreicht, nach einer nächtlichen Wanderung durch lange, hell erleuchtete Vorortstraßen. Meine Schritte, die ich durchs Land mache sind auch Schritte zu Ruhe, Klarheit und Frieden in mir. Je mehr ich loslasse, desto mehr Raum ist da, in dem
alles zusammen kommt.
Ich traf, nach einem Vormittag am Rheinufer, zwei wunderbare Menschen, Linda und Metin, die mich einluden einige Tage in ihrem Ferienapartment zu wohnen. Wie habe ich das genossen, was für ein Luxus……Das war ein großes Geschenk zweier offenherzigen Menschen.
In Köln hatte ich so wunderbare Lesungen und Begegnungen…
Ein schöner Austausch mit Max, dem Maler und Liedermacher…. mit einer Künstlerin in ihrem Atelier… Mit Sabine, die schon von einer Freundin auf mich aufmerksam gemacht wurde und mir ihr Pausenbrötchen an einer Ampel schenkte.
Gelesen habe ich für ein Paar Menschen, zum Beispiel Lea, Onno, Neomi, Ben und ihre Freunde, denen ich im Park begegnete. Lea und Neomi haben mir eine Tüte mit dem leckerstes Essen geschenkt, Danke ihr Tollen, wunderbaren…Es war ein schöner Abend im Park.

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Markus, ich hoffe ich erinnere den Namen richtig, in seiner Galerie, dessen Bilder mich im Vorbeigehen angesprochen und angezogen haben.Er betreibt sie gemeinsam mit seiner Freundin, neben ihren Jobs, aus purer Freude. Sie verkaufen dort auch Kaffe und andere Getränke und er erzählte mir von schönen Begegnungen und Begebenheiten, aufgrund ihres Engagements in ihrer kleinen Galerie.

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Auf eine größere Gruppe von Aktivisten von “Sea Shepherd” traf ich in der Innenstadt. Sie protestierten gegen das traditionelle Abschlachten hunderter Wale auf der Färöer Insel. Seit langen Jahren werden dort einmal jährlich Wale an den Strand getrieben und von Männern auf brutalste Art und Weise hingerichtet, getötet….
Ein Männerritual, ein großes Fest des Todes, sinnlos, roh und dumm.
Die Gruppe der Aktivisten….kraftvoll, entschlossen….Die Begrüßung…herzlich, freundlich….Fotos, Gespräche, Essen! Toll, vielen Dank nochmal….

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Ein paar Jungs auf einer Bank bei der alten Feuerwache, haben meinen Naidoo-Text mit “starke Worte” goutiert und mich mit Saft und Jumbo-Knusperriegel beschenkt. Aus kühler, aber freundlicher Abweisung wurde innerhalb von Minuten warmes Interesse und herzlicher, anerkennender Abschied.

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Viele solcher kurzen aber nachhaltigen Moment begegnen mir täglich.
Inzwischen bekomme ich ein sehr viel besseres Gespür, und habe keine Probleme damit an alle Menschen, egal wer, heranzutreten und ihnen meine Stücke vorzutragen. Ich habe da keine Angst mehr, keine Sorgen,
Und es geschehen nur wundervolle Begegnungen, mehr oder weniger intensiv.
Ein Erlebnis anderer Art, das mich sehr nachhaltig berührt hat, ist folgendes…..
Ich kopiere im Folgenden einfach den Facebook-Post vom Tag, als mein Sohn Tarik zu Besuch kam:

“”Rettung eines Brötchens bei Einfahrt des Regio.

Heute Morgen! Nach der halben Nacht im Flur, ich hatte mich ausgesperrt :-),
ein verspäteter Gang zum Bahnhof, um meinen Sohn Tarik am Zug zu empfangen… Willkommen in Köln!
Am Bahnhof habe ich einigen Obdachlosen ein Stück von Naidoo rezitiert. Unter anderem Textpassagen wie….. # sei wie ein Krieger, mann, nimm wieder am Leben Teil und peil Deine Ziele an……. Oder……. Zeigt Dir den Weg zurück nach Haus, Du kennst ihn auch, erinnere Dich, an das was Du längst weißt, was eigentlich keine Frage ist, Du bist nicht schwach, Du weißt wie stark Du bist……..#
Sie haben aufmerksam zugehört und zustimmend geknickt und “Ja, das stimmt” gebrummelt. Das hat mich sehr tief berührt und ich konnte sie sehen, ihre Sehnsucht und auch wie sie sich und ihre Träume aufgegeben haben. Das ist so traurig.
Kurz danach auf dem Bahnsteig, ich stehe wartend am Müllsortierbehälter, tritt eine junge, hübsche Business-Frau neben mich, lässt ihr halbes, wundervoll belegtes Brötchen in die Brötchentüte fallen und die Tüte in die Tonne…..
Ich war völlig schockiert! Das ist doch unfassbar!!
Ich fragte sie direkt, ob sie das wirklich wegwerfen würde, das sind doch Lebensmittel!! Das könne sie doch nicht einfach so tun…
Sie sah mich an und fragte beiläufig im vorbeigehen, wieso nicht? Sie hat überhaupt nicht verstehen können, was ich von ihr wollte.
Ich habe nicht anders können, als dieses Brötchen zu retten.
Ich bekomme so viel zu essen, von vielen Menschen! Trotzdem ändert sich mein Gefühl zu Nahrung gerade komplett. Ich lerne ein solches, in den Müll geworfenes Essen so sehr zu schätzen.
Und ich hatte die Jungs auf der Strasse noch im Kopf.
Ich habe heute das erste Mal essen aus einer Mülltonne genommen, und obwohl schon jemand davon gegessen hat, habe ich es unglaublich genossen. Soetwas habe ich nicht jeden Tag auf meiner Reise.
Wie mag es aber sein, wenn man nicht soviel zu essen hat. Milliarden Menschen werden nicht satt. Für die Frau war es scheinbar ganz normal, das wegzuwerfen, was sie nicht essen konnte. Diese Beiläufigkeit, die Selbstverständlichkeit war es, die mich am meisten aufgewühlt hat. Ich war so schockiert!!

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Jetzt ist aber Tarik da, und das fühlt sich richtig gut an. Wir werden morgen zusammen Köln verlassen.
Und diese Nacht können wir, Glück sei Dank, und größter Herzensdank an Metin, Linda und ihre Söhne, noch in ihrem Ferienapartment verbringen. Und das haben wir genossen und genießen es noch, nach einem schönen Spaßfreudigen Gang durch Köln im Nieselregenregen.””

Tarik und ich verließen Köln am 75. Tag meiner Reise, am Dienstag.
Unser Weg führte zunächst durch ein altes Hafengebiet, in dem Moderne Riesenhäuser zwischen alten, restaurierten Hafengebäuden stehen. Hier wohnt auch Lukas Podolski.

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Die Nacht verbrachten wir bei Grete und Heiner in Rodenkirchen, herzlich empfangen und toll aufgenommen. Heiner lud uns Gleich zum Essen in die amtliche Eckkneipe ein. Herzensdank auch an Euch. Auch für euren Rheinischen Frohsinn, der war sehr erfrischend.
Die nächsten zwei Nächte haben wir am Rhein verbracht ohne viel Laufen, aber wunderschön. Birgit kam am zweiten Abend mit an unser Lagerfeuer am Rheinufer. Sie wollte Tarik abholen und blieb spontan.
Es war Wunderbar.
Am Freitag bin ich dann wieder alleine losgegangen, Richtung Bonn.
Nach einem langen Gang, durch ein Kilometerlanges, nicht so anmutig wirkendes Industriegebiet, bei brütender Hitze, bin ich hinter Wesseling in eine Nachbarschaftsfeier gestolpert, wurde gleich von Einigen Feiernden empfangen und durfte essen, trinken (Kölsch) und erzählen. Iris und Stefan luden mich auch gleich auf ihr Grundstück ein, und ich durfte dort eine Nacht unterm Sternenhimmel in bester Gesellschaft beider verbringen.

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Nach einem schönen Gang am Rhein entlang betrat ich Bonn.
Und noch am Anfang, als ich einen Platz suchte für meine erste Rezitation, hat sich am letzten Bissen meines Apfels, den ich mit Kerngehüuse esse, scheinbar eine Wespe festgekrallt und mich im Rachenraum in die linke Mandel gestochen, bevor ich sie als Proteinzugabe meinem Magen zur weiteren Verwendung übergeben konnte.
Das hatte einen Aufenthalt in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Bahnhofsnähe zur Folge. Die Diensthabende Schwester verwies mich an die Uniklinik, weil die sich besser mit solchen Dingen auskennen. Man könnte, in dort nicht helfen. Währenddessen schwoll die Mandel. Ich dachte mir, falls mir alles so anschwillt, daß ich zur Erstickung neige, bleibe ich lieber im Wartezimmer. Zur Uniklinik sind es von dort vier Kilometer. Zu Fuß wohl eine Stunde.
Dort holte mich dann Judith ab, in deren Haus ich eine Einladung für die Nacht hatte. Judith hatte ich auf dem Utopival kennengelernt. Zwei Tage mit guten, interessanten Gesprächen folgten. Das war sehr schön!
Am Montag besuchte ich Patrick und Johanna. Dort konnte ich ein paar Tage verbringen, um etwas in Bonn zu lesen. Johanna habe ich in Steyerberg kennengelernt. Sie hat mir das atmen ind gehen im Zen-Buddhismus gezeigt. Patrick betreut das Zen-zentrum in Bonn und hat einen kleinen Laden dort, für Meditationszubehör.
Dort, im Zentrum würde ich von ihm eingeladen das Sitzen im Zen kennenzulernen. Das sind für mich schöne Geschenke, die mir auf meiner Wanderung sehr von Nutzen sind.
Gehen, Atmen, Sitzen, Atmen…. Mehr braucht es nicht.

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Jeder gibt etwas in meinen Rucksack, was ihn jedoch immer leichter werden läßt. Das ist wunderbar.
Mit Patrick habe ich in seinem Laden ein Mittagessen für zwölf Menschen gekocht. Also…. ich habe Gemüse geschnitten!
Seit drei Jahren treffen sich an seiner Tafel jeden Dienstag zwölf Menschen, die gemeinsam zu Mittag essen. Das Gemüse dafür bekommt er umsonst von einem BioHof. Nicht mehr verkäuflich…kleine Stellen, die herausgeschnitten werden können.
Ein wunderbar freier Raum, eine schöne, Gemeinschaft bildende Aktion.

Gelesen habe ich auf dem Platz vor dem Frankenbad. Seit drei Jahren belebt eines von mehreren Bonner Dreirädrigen Cafe’-Mobilen diesen Platz. Nachmittags sind alle Bänke besetzt. Ein beliebter Treffpunkt.
Dort habe ich einige Male gelesenen und wunderbare Menschen kennengelernt, Ferhard zum Beispiel ist Ende der Achtziger aus dem Iran geflohen. Er hat es heute noch nicht Verwunden. Seine Erlebnisse sitzen tief und berauben ihn noch heute seines Schlafes.
Und Rebecca habe ich getroffen, mit ihrer Freundin Miriam. Rebecca kommt aus Harpstedt, ist ungefähr im Alter meines Sohnes und studiert hier in Bonn. Darüber habe ich mich sehr gefreut.
Die Tage in Bonn waren wunderschön. Nicht zuletzt versüßt durch einen schönen Besuch.
Am Samstag, den 86. Tag meiner Wanderung sagte ich Johanna und Patrick Tschüß, um Bonn zu verlassen und am Rhein auf dem Rheinsteig weiter Richtung Süden zu gehen
Ich sitze jetzt auf einem Balkon in Bad Honnef, am Morgen des 89.Tages meiner Reise. Es regnet.
Ich konnte jetzt zwei Nächte bei Martin und Natalie verbringen, junge Eltern einer süßen, fünf Monate alten Tochter. Sie haben ein offenes Haus und bieten couch-surfing an. Sie haben jederzeit einen Couch-platz für Menschen, die unterwegs sind. Es gibt inzwischen sehr viele Menschen, die Soetwas anbieten und annehmen.
Martin lernte ich am Samstag kennen. Ich wollte Bonn über die Südfrüchte verlassen, als ich über den Karmapa stolperte. Er ging an mir auf der anderen Straßenseite vorüber, als ich an einer Ampel stand.
Der Karmapa ist neben dem Dalai Lama, das zweite Buddhistische Oberhaupt Tibets. Kurz danach traf ich drei Apfelpflückende Frauen kurz vor der Südbrücke. Ich bekletterte nach vielen Jahren mal wieder einen Baum und pflückte für sie die rotesten, am höchsten hängenden Äpfel… Ein schönes Zusammen sitzen und Apfel genießen war es, eine wundervolle Begegnung.
Und als die drei gingen, kam Martin. Wir saßen und redeten gut. Er lud mich zum Essen ein, und bot mir für die nächste Nacht einen Schlafplatz an.

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Ich habe jetzt bei ihm und seiner Familie die Ruhe, die Geborgenheit genutzt, um mein Tagebuch aufzuholen.
Martin hat viele Ecken hier in der Gegend und überall auf der Welt bewandert. Indien, Afrika….. Er ist Shaolin-Schüler…Wir haben uns einiges zu erzählen.
Ich fühle mich auch hier so wohl, genieße wieder mal….Und weiß doch, daß es der Moment ist, der den Genuß so wertvoll macht…..Oder ist es der Genuß, welcher den Moment so wertvoll macht?
Und das es endlich ist und ich bald schon wieder gehen muß…….

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Oft werde ich gefragt, wie ich mich ernähre……
Ich werde gut ernährt. Ich wiege zwar nur noch 73 Kilo, vor zwei Jahren genau, waren es noch 94!!!
Ich bin gesund und fühle meinen Körper, und mich in ihm, sehr gut, besser denn je!
Ich bekomme alles Essen geschenkt, im richtigen Moment habe ich immer zu essen.
Und das Geheimnis, welches ich entdecken darf, ist, je mehr ich loslassen kann, meine Erwartungen, meine Bedürfnisse, desto einfacher ist es. Plötzlich ist all das da, was ich wirklich brauche.
Je mehr Anspruchshaltung bei mir auftaucht, desto schwieriger wird es, und ich fange wieder an um meine Mahlzeiten zu kämpfen. Und im Kampf gibt es keinen Gewinner.
Wenn ich einfach spüre und wünsche, geschehen wundersame Dinge.
Ich habe mir einmal von Herzen einen Kaffee gewünscht. Eine halbe Stunde später wurde ich einfach so dazu eingeladen.
So ist es mit allem.
Wenn ich all das loslasse und wünsche, Ohne Ansprüche und Erwartungen, dann kommt alles zur richtigen Zeit. Es fließt dann sozusagen. Der schönste Weg ist das Schenken.
Und es ist jedesmal eine Freude, für den Schenkenden, und mir Freude und Genuß. Ich werde reich beschenkt, nicht nur mit Nahrung, auch kleinste Erkenntnisse und Erhellungen bekomme ich immer zur richtigen Zeit gereicht. Immer genau das, was ich gerade brauche.
Eine Erkenntnis, die umzusetzen mir in manchen anderen Lebensbereichen noch schwer fällt, in der Liebe beispielsweise, aber langsam doch hier und dort Einzug hält.
Hier beginnt das Glück….Hier beginnt der nächste Schritt, die Möglichkeit weiter zu schreiten. Hier beginnt der Frieden! Im grenzenlosen Vertrauen.

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